Skaten - ein Lebensstil trotzt dem Klischee

Geschrieben von schueler am 15. März 2010 | Abgelegt unter Allgemein

Bremen (dpa) - Rund 800 Augenpaare haben den amtierenden Deutschen
Meister Yannick Schall und sein Skateboard ins Visier genommen.
Stampfende Bässe und ein gut aufgelegter Hallenmoderator erschweren
dem 21-Jährigen die Konzentration auf seine Fahrt zusätzlich. Doch
Schall ist bereits im Tunnel, vollkommen fokussiert auf die nächsten
45 Sekunden. So lange hat er Zeit, der Jury seine Tricks auf dem mit
Rampen, Treppen und Geländern gespickten Parcours zu zeigen. Tricks,
die ihn ins Finale des Auftaktturniers der Deutschen Skateboard-
Meisterschaft in Bremen bringen. Seinen Titel kann er an diesem Tag
aber noch nicht verteidigen: Noch vier weitere Wettbewerbe gehören
zur Meisterschaftsserie.

Wenn er auf seinem Board unterwegs ist, fühlt sich Schall frei und
unabhängig. «Ich weiß nicht, ob das für mich ein Sport ist - eher
schon eine Lebenseinstellung oder ein Lebensstil», sagt der Student
aus Berlin. Er gibt sich am Wochenende in Bremen locker und lässig:
typisch Skateboarder. Doch gerade solche Klischees nerven Schall
gewaltig. »Wir tragen nicht alle Baggyhosen, Baseballkappen und hören
Hip-Hop», erklärt der 21-Jährige.

Dass sich die Szene geöffnet und erweitert hat, verdeutlicht der
dreitägige Wettbewerb während der Fun- und Extremsportmesse »Passion
Sports Convention». Nur gut die Hälfte der Skater trägt die früher
üblichen weiten Klamotten. Zwar haben die meisten Kopfhörer im Ohr.
Doch Röhrenjeans gehören ebenso zur neuen Skateboardergarderobe wie
Holzfällerhemden. Alles ist erlaubt, der Freizeitsport ist
heterogener geworden - und wieder mächtig im Kommen.    «Die
Entwicklung des Skatens verlief schon immer in Wellen. Nachdem es mit
der großen Begeisterung Ende der 90er weniger wurde, ist Skateboarden
jetzt wieder im Trend», sagt Ralf Middendorf vom Club of Skaters,
Veranstalter der Deutschen Meisterschaft. Der Wettbewerb in Bremen
versinnbildlicht die neue Popularität. Über 120 Teilnehmer sind in
die Hansestadt gekommen, um sich ihren Traum vom Titel zu erfüllen.
Amateure und Profis ermitteln ihren Champion dieses Jahr erstmals
getrennt.

Zur neuen Skatergeneration gehört Gino Körner. Im Gegensatz zu
Yannick Schall fährt der 10-Jährige beim Auftaktturnier der Deutschen
Meisterschaft nicht um den Sieg. Bei 1,25 Meter Körpergröße ist sein
Board halb so groß wie er. «Außerdem fehlt mir auf dem Brett das
Gewicht», sagt Gino. Seit er drei Jahre alt wurde, ist er unterwegs
auf den Brettern, die für ihn die Welt bedeuten. Und trotz seines
jungen Alter wirkt der Fünftklässler aus Bremen wie ein alter Hase -
eben Old School, wie es in der Szene heißt. «Beim Fahren höre ich nur
Rap. Was anderes als Skater-Klamotten würde ich nicht anziehen»,
erklärt der jüngste Teilnehmer des Wettbewerbs, dessen Vorbild - na
klar - US-Skaterlegende Tony Hawk ist.

Angesprochen auf seinen Lieblingstrick stellt sich Gino sofort auf
sein Board, um den «Kickflip» zu zeigen. Mit erstaunlicher
Leichtigkeit springt er hoch und zieht dadurch das Brett mit in die
Luft. Als er auf dem Boden landen will, hat es sich unter ihm noch
nicht komplett gedreht, der Schüler landet auf dem Hosenboden.
»Naja», sagt er. »War ja jetzt kein Wettkampf.» Und auch wenn es da
um Punkte geht: Stürze sind zwar nicht geplant, werden aber
einkalkuliert. Immer, wenn in den Finalrunden mal ein Olli, Heelflip
oder Fifty-Fifty misslingt, gibt es aufmunternden Applaus - von
Zuschauern und Konkurrenten.

Sieger im Auftaktwettbewerb wird schließlich Thomas Weber (22) aus
Plauen (Sachsen). Auf den zweiten Platz kommt Tom Kleinschmidt (20)
aus Dresden. Der amtierende Deutsche Meister Yannick Schall (21)
wurde Dritter.

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