Canisius - Eine Schule sucht den Weg zur Normalität
Geschrieben von schueler am 10. Februar 2010 | Abgelegt unter Allgemein
Berlin - Schulalltag sieht anders aus: Nach den
Missbrauchsvorwürfen am Canisius-Gymnasium in Berlin hat der
Unterricht nach den Winterferien unter verschärften
Sicherheitsbedingungen begonnen. Am Montag versperrten Wachleute
Fremden den Zugang. Die Schüler sollten vor Schaulustigen und
Journalisten geschützt werden. «An diesem ersten Schultag müssen wir
sichern, dass die Kinder ihre Ruhe haben können», sagte ein Sprecher
des Gymnasiums, das im Mittelpunkt der Missbrauchs-Vorwürfe an
mehreren Schulen des Jesuitenordens steht. Viele Eltern sorgten sich
um ihre Schützlinge und brachten sie selbst zum Kolleg. «Ich will
nicht, dass meine Tochter angesprochen wird», sagte ein Vater.
Die Stimmung unter den Schülern war spürbar gespannt. Statt
fröhlich über Ferienerlebnisse zu plaudern, trotteten viele stumm zum
Unterricht. Einige Kinder wagten kaum, das Schulgelände zu betreten.
Gerade die Jüngeren schienen durch die Wachkräfte, den Rummel der
vergangenen Tage und die vehementen Warnungen ihrer Eltern
eingeschüchtert. «Wenn die Presse kommt, sagst du kein Wort», raunte
eine Mutter ihrer Tochter zu.
Auch während der Ferien hatte die Schule den Kontakt zu den Eltern
aufrechterhalten, berichtete ein Vater. In E-Mails seien die Eltern
über den Verlauf der Ermittlungen informiert worden. Die Missbrauchs-
Vorfälle selbst beunruhigten den Mann dennoch weniger: «Das ist schon
so lange her, ich mache mir keine Sorgen um mein Kind.»
Zwei frühere Patres des Elitegymnasiums werden beschuldigt, in den
70er und 80er Jahren mehrere Schüler sexuell missbraucht zu haben.
Ein dritter Pater, der Anfang der 70er Jahre auch in Berlin
unterrichtet hat, gestand sexuelle Übergriffe auf Jugendliche in
Hannover.
Auch den Schülern sei bewusst, dass die Missbrauchsfälle weit in
der Vergangenheit lägen, sagte Direktorin Gabriele Hüdepohl am frühen
Nachmittag. «Heute wurde deutlich, dass die Schüler zum ganz normalen
Schulablauf zurückkehren möchten.» Am Vormittag hatte die Schule eine
vorerst letzte große Versammlung anberaumt. Schüler und Lehrer wurden
über den aktuellen Stand der Ermittlungen informiert.
Fragen hätten die Schüler kaum noch gehabt, sagte Hüdepohl. Sie
seien des Themas überdrüssig. Dennoch: Der jahrzehntelang
verschwiegene Missbrauch wird die Schule auch künftig begleiten. Das
Kollegium sei nun sensibilisiert für die Thematik, sagte Hüdepohl.
Schon bald wolle die Schulleitung gemeinsam mit Eltern und Kollegium
besprechen, wie sexueller Missbrauch auch im Unterricht angesprochen
werden kann.
Keine Kommentare »