Wachleute vor Berliner Schulen - «Schutz sonst nicht garantiert»

Geschrieben von rosenthal am 2. Juli 2007 | Abgelegt unter Allgemein, Schule

Berlin (dpa) - Das hat es in Deutschland noch nirgends gegeben: Zum Schutz vor Gewalt an Schulen sollen im Berliner Problembezirk Neukölln private Sicherheitsdienste eingesetzt werden. Die Wachleute sollen täglich während der gesamten Schulzeit die Zugänge zum Schulhof und zur Schule kontrollieren. «Der Schritt ist unausweichlich. Wir können den Eltern sonst den Schutz und die Sicherheit ihrer Kinder nicht mehr garantieren», sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) am Freitag.

Nach einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa ist deutschlandweit bisher lediglich «an einigen wenigen Schulen» in Rheinland-Pfalz privates Aufsichtspersonal beschäftigt, aber weniger unter Sicherheitsaspekten. Außerdem werden mehrere jüdische Schulen aus Angst vor Terroranschlägen regelmäßig von Polizisten beschützt.

Mehr als ein Jahr nach den bundesweit Aufsehen erregenden Gewaltausbrüchen an der Neuköllner Rütli-Schule bleiben die Schulen des 300 000-Einwohner-Stadtbezirks nicht nur sozial, sondern auch politisch im Brennpunkt. «Wir haben keine Wahl mehr. Wir müssen den Verhältnissen trotzen und uns den Zuständen entgegenstemmen», sagt Buschkowsky. In den vergangenen zwei Jahren sei es an den 76 Neuköllner Schulen zu 53 schwerwiegenden Gewaltvorfällen gekommen. Für ihn selbst kam der «Moment zum Handeln», als ihn arabische Schüler fragten, was er dagegen tun wolle, dass sie «ständig verprügelt werden».

Die Maßnahmen sollen nun zum Beginn des neuen Schuljahrs Mitte August umgesetzt werden. Nach einer ersten Umfrage rechnet das Bezirksamt damit, dass etwa drei Viertel der Schulen das Angebot annehmen. Das erforderliche Geld, zu dessen Höhe sich Buschkowsky nicht äußert, erwartet der Bezirk vom Land Berlin. Angefragt hat der streitbare SPD-Politiker im Senat bisher aber nicht. SPD- Bildungssenator Jürgen Zöllner äußert sich auch nicht dazu.

Letzter Anstoß für Buschkowsky war Mitte Juni der Angriff eines schulfremden Jugendlichen, der auf dem Hof einer Neuköllner Oberschule einen Lehrer niederschlug. An einer anderen Schule war laut Polizei ein 13-jähriger von Mitschülern geschlagen und später bedroht worden. Der Leiter eines Gymnasiums berichtet von Einbrüchen, Computer-Raub, Verwüstungen von Räumen und einer versuchten Brandstiftung. Probleme werden auch aus anderen Berliner Bezirken gemeldet: In Tempelhof etwa wurde eine Lehrerin im Klassenzimmer von zwei maskierten Jugendlichen attackiert und beraubt.

Angesichts dieser Zustände muss der Staat laut Buschkowsky «seiner Schutzfunktion wieder gerechter werden». Der Schulstadtrat von Neukölln, Wolfgang Schimmang (SPD), sagt: «Unsere oft über 50 Jahre alten Lehrer sind es nicht gewohnt, dass sie sich zusammenschlagen lassen müssen. Wir müssen das aufhalten.»

Buschkowsky führt als Hintergrund der zunehmenden Gewalt auch die soziale Situation ins Feld: In München gibt es nach seinen Angaben bei rund 1,3 Millionen Einwohnern 73 000 Hartz-IV-Empfänger - in Neukölln bei 300 000 Einwohnern mehr als 83 000. Das Bezirksamt müsse mit diesen Verhältnissen und ihren Folgen auch in den Schulen zurecht kommen. «Das ist unser Job, und den tun wir.»

dpa

ga

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