Triebwagenführer löst den Lokführer ab - Nachwuchs wird gesucht

Geschrieben von rosenthal am 25. Mai 2007 | Abgelegt unter Allgemein, Ausbildung

Hamburg/Berlin (dpa/tmn) - Die wenigen Sprossen der senkrechten Leiter führen Gerd Schröder zu seinem Arbeitsplatz. Auf dem Endbahnhof Hamburg-Altona klettert er in den Führerstand des ICE, um den Zug über Berlin nach Leipzig zu fahren. Seine Berufsbezeichnung klingt unromantisch: Triebfahrzeugführer. Die technische Entwicklung stand Pate für diesen Namen. Bekannter ist er nach wie als Lokführer.

Schröder ist einer von mehr als 20 000 Lokomotivführern, die beim Marktführer Deutsche Bahn (DB) arbeiten. Mehr als die Hälfte fahren in Nahverkehr. Dazu kommen noch die Lokführer, die bei den privaten Bahngesellschaften die Züge steuern. «Es sind bis zu 3000», schätzt Maik Brandenburger von der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) in Frankfurt/Main. Für die verantwortungsvolle Tätigkeit auf den Führerständen sucht dieser Transportbereich Nachwuchs.

«Ein Beruf mit Perspektive», sagt Bahnsprecher Ole Constantinescu in Hamburg. Auch für Frauen: Nach seinen Angaben sind sie mit 370 Lokführerinnen zwar noch deutlich in der Minderheit, «doch auf dem Vormarsch». Denn eine Lok zu fahren, ist keine körperliche Schwerstarbeit mehr wie zu Zeiten der Dampfloks. «Früher wurde auch mal mit dem Hammer repariert, heute sind Hightech-Kenntnisse gefragt», meint Schröder, der seit 35 Jahren Eisenbahner ist.

«Einen guten Real- oder sehr guten Hauptschulabschluss» nennt Constantinescu als Mindestgrundlagen für eine Bewerbung bei der DB. Auch Interesse an Technik, Verantwortungsbewusstsein sowie Bereitschaft zum Schicht- und Nachtdienst werden erwartet. Alle Kandidaten müssen sich einem Eignungstest und einer arbeitsmedizinischen Untersuchung unterziehen. «Ein Lokführer darf beispielsweise nicht farbenblind sein», betont Brandenburger - weil er die Signale an der Strecke genau erkennen muss.

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum «Eisenbahner im Betriebsdienst, Fachrichtung Lokführer und Transport (EiB L/T)», wie die korrekte Bezeichnung lautet. Sie gliedert sich jeweils etwa zur Hälfte in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Ein Schwerpunkt ist die Signal- und Fahrwegtechnik. Dabei erfährt der angehende Lokführer alles über Gleise, Weichen und die Hinweise an der Strecke sowie die elektronisch übermittelten Daten während der Fahrt.

Am Ende der Ausbildung muss eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer abgelegt werden, um das Facharbeiterzeugnis zu erhalten. Es ist mit einem Lokführerschein verbunden. «Das Anfangsgehalt beträgt derzeit 1780 Euro im Monat, dazu kommen Zulagen für Schicht- und Nachtdienst», berichtet Constantinescu. Azubis erhalten im ersten Jahr 620 Euro und im letzten Jahr 780 Euro.

«Der Weg zum ICE-Führerstand ist dann aber noch weit», sagt Gerd Schröder. So bestimmt ständige Weiterbildung das Berufsleben eines Triebfahrzeugführers, der anfangs im Rangier- und Güterverkehr eingesetzt wird. Später kann der Personenverkehr hinzukommen, bis hin zum Führen von ICs und ICEs. Regelmäßige Testfahrten am Simulator sind Bestandteil der Ausbildung. So lernt der Lokführer auch den Umgang mit extremen Situationen wie einer Notbremsung aus voller Fahrt.

«Bei mir hat es zehn Jahre gedauert, bis ich erstmals einen ICE fahren durfte», sagt Schröder, der die Lizenzen für «mindestens 15 Fahrzeuge» besitzt. Denn für jeden Lokomotivtyp muss eine Art Führerschein gemacht werden, der bestätigt, dass der Lokführer mit der jeweiligen Technik vertraut ist.

Außer der DB bilden auch einige Privatbahnen Triebfahrzeugführer aus. Dazu gehört die Veolia Verkehr mit ihren diversen Transportunternehmen. Unter ihrem Dach fahren Dieseltriebwagen sowie Diesel- und E-Loks in ganz Deutschland. «Die Berufsaussichten für Lokführer sind gut, es ist ein Beruf mit Zukunft», sagt Matthias Roeser in der Zentrale in Berlin. Für die Ausbildung gelten die gleichen Bestimmungen wie bei der Deutschen Bahn.

Schröder und seine Kollegen sind in der Regel allein auf ihren rollenden Arbeitsplätzen, jedoch über Funk und Telefon ständig mit der Außenwelt verbunden. «Die Hände macht man sich hier nicht mehr schmutzig», sagt Schröder.

Auch heute verkehren in Deutschland aber noch planmäßig von Dampfloks gezogenen Züge wie die Mecklenburgische Bäderbahn «Molli», die Rügensche Kleinbahn oder die Harzer Schmalspurbahn (HSB). «Wir bilden Dampflokführer nach Bedarf aus», erklärt HSB-Chef Jörg Bauer in Wernigerode. Voraussetzung ist eine Lehre als Industriemechaniker, um anfangs als Lokschlosser in der Fahrzeugwerkstatt arbeiten zu können. Die Lokführerprüfung erfolgt auf Dieselfahrzeugen, erst dann folgt die Spezialisierung.

«Der Dampflokführer hat nicht gerade den angenehmsten Arbeitsplatz», sagt Bauer. «Im Sommer ist der Führerstand manchmal die Hölle, im Winter pfeift kalter Wind.» Die Dampflokführer müssen selbst zum Schraubenschlüssel greifen und die Maschine ölen und sehen entsprechend aus. Gerd Schröder dagegen verlässt nach seiner Tagesfahrt Hamburg-Leipzig und zurück den Führerstand so sauber wie er abgefahren ist.

dpa/tmn

ga

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